Städtisches
Adolf-Weber-Gymnasium
München
aus dem
Thema:
Maria Sibylla Merian (1647 – 1717)
Die Forschungsreisende, Wissenschaftlerin und
Künstlerin

Kursleiter: Herr Dr. Libera
Verfasser: Adrian Diaco
Abgeliefert am: 01.02.2002
Note in Punkten:
Inhaltsverzeichnis:
1. Maria Sibylla Merian (1647 - 1717): Eine Künstlerin
und
Wissenschaftlerin des Barock
2. Die Lebensgeschichte Maria Sibylla Merians
2.1 Ihre Kindheit
a.) Vorwort
b.) Surinam
c.) Die
Forschungen
2.4 Der Lebensabend in
Amsterdam
3.1
Allgemeines zu Ihren Werken und der Technik
a.)Allgemeines
und Inhalt
b.)Technik
c.)Resonanz
a.)Allgemeines
b.)Inhalt
c.)Zusammenfassung
3.5 Das
Insektenbuch (Surinambuch)
a.)Allgemeines
b.) Inhalt
c.)Resonanz
1. Maria Sibylla Merian (1647 – 1717): Eine Künstlerin
und Wissenschaftlerin des Barock
Wer war die geheimnisvolle Frau, der die Ehre zuteil wurde, die Vorderseite unserer ehemaligen DM 500.-- Banknote zu schmücken? Wer war diese Frau, die uns mit ernsten, wachsamen Augen ansah? War es eine Dame von Adel oder eine Leitfigur der Politik? War es vielleicht die Ehefrau eines frühen Geldwechslers oder eines Bankengründers? Oder war sie eine bedeutende Künstlerin und Naturforscherin?
Ich möchte versuchen, das bunte, aufregende Leben dieser Frau zu beschreiben und ihre Bedeutung einem kollektiven Vergessen entreißen.
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Diese außergewöhnliche, willensstarke Frau, deren Leben wir heute in den Brennpunkt unseres Interesses stellen wollen, war Maria Sibylla Merian, eine zielstrebige Wissenschaftlerin, eine wagemutige Forscherin und eine begnadete Künstlerin. Sie wurde am 2. April 1647 in Frankfurt am Main geboren. Ein Meilenstein in ihrem bewegten Leben war ohne Zweifel ihre Reise nach Surinam und die damit verbundene Forschungsarbeit. Eine solche Reise in den mittleren Süden des amerikanischen Kontinents war für die damalige Zeit, besonders für eine Frau, ein Abenteuer sondergleichen. Diese Exkursion wurde zu einer wissenschaftlichen Großtat, geprägt von unerwarteten Hindernissen und Entbehrungen. Ihr Leben war in einigen Abschnitten mühsam und kompliziert, sie musste viele Widerstände überwinden; man war damals (und auch rund 200 Jahre später noch!) der Meinung, dass Frauen an den Herd gehören, nicht aber künstlerisch und wissenschaftlich tätig sein sollten. Weit gefährlicher für Sibylla Merian aber war ihr wissenschaftliches Interesse für das Leben der Insekten; man hielt sie zeitweilig sogar für eine Hexe. Doch Sibylla ließ sich nicht ablenken: sie malte Blumen , Schmetterlinge und Raupen, stach sie selbst in Kupfer, druckte selbst und setzte sich schließlich als weibliche Künstlerin durch.
Maria Sybilla Merian war auch ein religiöser Mensch. Bei der Suche nach dem Sinngehalt des Lebens, verbunden mit ihrer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe, wurde sie auch mit religiösem Gedankengut vertraut. Vertraut deshalb, weil sie bei ihren Forschungen in die Welt des kleinen organischen Lebens vordrang und darin sicherlich eine gottgewollte Ordnung erkennen konnte. Vielleicht haben auch die spirituell-religiösen Unterhaltungen in den Nürnberger Patrizierkreisen einen gewissen Einfluss auf ihr gläubiges Empfinden ausgeübt. Sie näherte sich auch der Bewegung des Jean de Labadie (1610 – 1672), eines mystischen Spiritualisten. Die später verfolgten Labadisten wendeten sich der Bibellesung, Gebet und Meditation zu, stellten aber die Eingebung des Heiligen Geistes über die Bibel. (Kirchenlexikon, 1992) Auch der Pietismus, eine Frömmigkeitsbewegung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, fand ihr Interesse. Die Bewegung wollte die christlichen Lehren im täglichen Leben verstärken und die tätige Nächstenliebe fördern. (Enzyklopädie der Religionen, 1990 + Medick, H., FAZ)
Sie starb 1717 im Alter von 70 Jahren in Amsterdam. Man kann sicherlich sagen, dass Maria Sibylla Merian die beste Blumen- und sorgfältigste Insektenzeichnerin ihrer Zeit gewesen ist.
2. Die Lebensgeschichte von
Maria Sibylla Merian
(Quelle:
Biographien, siehe Literaturverzeichnis)
2.1 Ihre Kindheit
“Bin ich schon nicht mehr da, wird man noch sagen: Das
ist Merians Tochter.” (Kerner, 1998, S. 12, mitte) Diese Worte soll der Maler
und Verleger Matthäus Merian der Ältere 1650 im Sterben zu seiner dreijährigen
Tochter Maria Sibylla (geboren 1647, der Dreißigjährige Krieg in Europa wütete
noch) gesagt haben. Ein prophetischer, intuitiver Gedanke angesichts der
Tatsache, dass er zwei erwachsene Söhne aus erster Ehe hatte, die seinen Namen
weiterführen sollten. Matthäus der Jüngere übernahm den Verlag, während Caspar
Kupferstecher wurde. Der Verlag wurde in dieser Form bis 1727 geführt. Maria
Sibylla kannte ihren Vater kaum, doch sie fing schon früh an zu malen. In ihren
Kinderzeichnungen war die zukünftige Künstlerin wohl kaum zu erkennen, doch
sollte ihr Vater mit seiner Ahnung letztendlich recht behalten. Ihre Mutter
heiratete nach Merians Tod wieder einen Maler, Jakob Morell. Er erfuhr von
Maria Sibyllas Talent, als sie eine kostbare Tulpe stahl, um sie zu zeichnen.
Der Besitzer der Blume soll auf eine Entschädigung verzichtet haben, unter der
Bedingung, dass er die Zeichnung bekomme. Um Maria Sibylla zu fördern, stellte
Morell daraufhin einen Lehrer für sie ein, Abraham Mignon, der selbst vorher
bei Morell in die Lehre gegangen war. Mit dreizehn
Jahren besuchte Maria Sibylla eine Seidenspinnerzucht. Diese Insekten
faszinierten sie: Die Falter legten Eier, aus denen Raupen krochen und erst
nach der Verpuppung wurden daraus wieder Falter. Dieses Erlebnis prägte Maria
Sibylla stark, von nun an war ihr Forscherdrang nicht mehr zu halten. Sie hielt
sich wohl auch schon vorher oft in den Wiesen um Frankfurt herum auf, um die
Natur zu zeichnen. Jetzt aber untersuchte sie die Schmetterlinge, um
herauszufinden, ob sie sich auch aus Raupen entwickelten. So fing sie an,
Schmetterlinge zu züchten. Sie sammelte die Raupen, nahm sie mit nach Hause und
fütterte sie, um die Verwandlung zu beobachten. Dabei entdeckte sie, dass jede
Art ihre eigene Futterpflanze hat, ohne die die Tiere nicht leben können. Der
Falter legt auf dieser Pflanze seine Eier ab, die Raupen ernähren sich von den
Blättern dieser Pflanze und verpuppen sich auch dort. Als junge Frau machte
Maria Sibylla also eine wichtige Entdeckung über die Bedeutung des Lebensraums
für jede Schmetterlingsart. Ihre Beobachtungen hielt Maria Sibylla schriftlich
fest. Sie zeichnete die Tiere in sämtlichen Entwicklungsstadien. Damit legte
sie den Grundstein für eine Tätigkeit, die sie ein Leben lang ausgeübt hat. Von
ihren Mitmenschen wurde Maria Sibylla nicht verstanden. Insekten und Spinnen
galten als Teufelszeug, das aus Dreck entstand. Damit wollte niemand etwas zu
tun haben. Auch ihre Mutter nicht, die aus ihr eine brave Hausfrau machen
wollte.
1665, mit 18 Jahren, heiratete Maria Sibylla den
Städtemaler Johann Andreas Graff, der bei ihrem Stiefvater Morell in die Lehre
ging, bevor er fünf Jahre lang durch Europa reiste. Diese Hochzeit war kaum
eine Liebeshochzeit. Wahrscheinlich war Maria Sibylla der Meinung, dass sie bei
einem Maler eher ihrem Hobby, der Malerei, nachgehen konnte. 1668, mit 21
Jahren, bekam Maria Sibylla ihre erste Tochter, Johanna Helena. Als diese zwei
Jahre alt war, zog die Familie in die Geburtsstadt Graffs, nach Nürnberg. Dort
ging Maria Sibylla weiterhin ihrer Malerei und ihren Forschungen nach. Außerdem
gründete sie dort ihre “Jungfern-Company”. Sie selbst unterrichtete dort die
Töchter der höheren Schichten in der Malerei und im Sticken. Das war für eine
Frau sehr ungewöhnlich. Außerdem betrieb Maria Sibylla einen Farbenhandel und
verkaufte von ihr bemalte oder bestickte Stoffe. Damit besserte sie das Gehalt
Graffs auf, der wenig zum Unterhalt der Familie beitrug. In dieser Zeit
entstand das Blumenbuch, hauptsächlich angeregt von der Arbeit in der Mal- und
Stickschule. (siehe 3.2). 1678 wurde Maria Sibyllas zweite
Tochter Dorothea Maria geboren, zehn Jahre nach der Geburt Johanna Helenas. In dieser Zeit, also mit 30 Jahren, fing Maria Sibylla an Latein zu lernen,
das damals noch die unumstrittene Gelehrtensprache war. Außerdem begann sie die
Arbeit an wichtigen Werken, wie z.B. dem Raupenbuch. Durch ihren Forschungs-
und Sammeleifer war sie den Nachbarn nicht ganz geheuer. Die Bewohner der
Reichsstadt konnten das Ausgraben und Sammeln von Würmern und anderem Getier
nicht in Einklang mit ihrer Vorstellung von einer treusorgenden Hausfrau und
Mutter bringen. In ihrem Raupenbuch wehrte sie sich vehement gegen das
anrüchige Getuschel. Endlich konnte sie dann ihr Raupenbuch unter dem Titel
„Der Raupen wundersame Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“ veröffentlichen
(siehe 3.3). Ihre noch bescheidenen Lateinkenntnisse hinderten sie nicht daran,
wichtige Forschungen und Entdeckungen zu machen. Z.B. teilte sie die
Schmetterlinge in Tag- und Nachtfalter ein; eine Klassifizierung, die noch
heute ihre Gültigkeit hat. Sie entwickelte ein sicheres Gespür für die
ökologischen Zusammenhänge in der Natur, eine akribische Bestandsaufnahme vom
Werden, Leben und Vergehen.
Die starke Einbindung in ihre Arbeit war sicherlich ein
Grund für die auftauchende Krise in ihrer Ehe. Ihr Mann hatte Liebschaften, man
lebte sich auseinander. Nach dem Tod des Stiefvaters Morell, zog Maria Sybilla
wieder zu ihrer Mutter nach Frankfurt. 1683 erfolgte die Veröffentlichung des
zweiten Teils des Raupenbuches. In wirtschaftlicher Bedrängnis verkaufte sie
wieder einen Teil ihrer Schmetterlingssammlung und trennte sich dann 1685
endgültig von Graff. Sie zog mit ihren Töchtern nach Holland. In der Labadisten
Gemeinde (siehe S.2, Z.9-12) auf Schloss Waltha in Friesland, wo auch der ihr
liebe Bruder Caspar lebte, fand sie ein neues Zuhause. Ein wichtiger Grund für
ihren Aufenthalt war die Gleichberechtigung der Frau bei den Labadisten und die
Enthebung der Sorge für das Wohlergehen ihrer Familie. Sie ordnete ihre Skizzen
und Aufzeichnungen, schnitt sie aus und klebte sie in ein persönliches
Studienbuch (siehe 3.4) das sie ständig mit sich führte und ergänzte. Aus
Gesprächen auf Schloss Waltha erfuhr Maria Sybilla von der Artenvielfalt des
amerikanischen Kontinents. Der Schlossherr, Lord van Sommeldijk, war Gouverneur
in Surinam, einer holländischen Kolonie im Norden Südamerikas. Seine Sammlung
exotischer Tiere und Pflanzen weckten in Maria Sybilla den Wunsch, dieses Land
zu bereisen und die Fauna und Flora zu beobachten. 1686 starb Bruder Caspar, 1690
die Mutter und die Labadisten-Gemeinde löste sich auf. Sybilla Merian zog mit
den Kindern nach Amsterdam, einer Weltstadt mit großem Hafen und vielen
Schiffen, die Kunden und Waren brachten aus aller Herren Länder. Das bunte
Treiben und die Internationalität dieser Stadt belebte Maria Sybillas Neugier.
Sie eröffnete eine „Jungfern-Company“ und verdiente Geld mit dem Verkauf von
Farben und Insekten. Das Geld sparte sie für die Erfüllung einer Idee, die seit
langer Zeit in ihrem Kopf Kapriolen schlug. 1692 heiratete Tochter Johanna
Helena den Kaufmann Hendrik Herolt, der auch mit Surinam Handel trieb und
dessen Erzählungen sicherlich den heimlichen Wunsch Merians, Surinam zu
bereisen, weiter nährte.
(Quelle:
Brunner, E., Lady Butterfly, 2000)
a.) Vorwort
Maria Sibylla Merian war 52 und längst eine bekannte
Malerin und Naturforscherin, als sie 1699 das Wagnis ihres Lebens unternahm:
Ein große und teure Reise nach Surinam. Aus eigenem Willen, auf eigene
Rechnung. Einzig zu dem Zweck, Schmetterlinge zu beobachten und zu zeichnen.
Die Exkursion in den Regenwald wurde zur einfühlsamen Erkundung einer fremden,
faszinierenden Welt – und zur wissenschaftlichen Pioniertat.
Seit sie in Amsterdam die Schmetterlingssammlung von
Cornelis van Sommeldijk gesehen hatte, ließ sie der Traum nicht mehr los.
Strapazen, die unbekannte Ferne, Brüche und Umbrüche hatten diese Frau noch nie
geschreckt. Surinam lockte. Acht Amsterdamer Jahre lang. Maria Sibylla plante,
spann ein Kontaktnetz, lernte Latein, um die neusten Bücher über Insekten und
Pflanzen studieren zu können.
Dann fasste sie sich ein Herz. Im Februar 1699 verkaufte
sie den Großteil ihrer privaten Bilder und Sammlungen, und hatte so das Geld
für die Reise endlich zusammen. Am 23. April hinterlegte sie ihr Testament. Im
Juni ging sie, begleitet nur von ihrer 21-jähirgen Tochter Dorothea, an Bord
eines Kauffahrteiseglers nach Surinam: eine der ersten Forschungsreisenden –
hundert Jahre vor Alexander von Humboldt (berühmter deutscher Naturforscher,
1769 – 1859).
b.) Surinam
Surinam liegt im nordöstlichen Südamerika. Es grenzt im
Norden an den Atlantik, im Osten an Französisch-Guayana, im Süden an Brasilien
und im Westen an Guyana. Surinam ist heiß, feucht, unerträglich. Männersache.
Ausbeuterland für ein knappes Tausend Holländer, Portugiesen und Briten, die
auf 200 Zuckerrohrplantagen an die 8000 schwarze Sklaven und viele ansässige
Indianer unter ihrer Knute haben. Es erwartete sie dort mörderische, schwüle
Hitze, Wespen und riesige Kakerlaken, die alles fraßen, was ihnen in den Weg
kam. Doch für ihre Mühen wurde sie belohnt. In Surinam gab es ungeheuer viele
Pflanzen und Tiere. Die Schmetterlinge waren einer schöner gezeichnet als der
andere und die Blumen verströmten einen betörenden Duft.
c.) Die Forschungen
Die beiden Frauen bezogen erst mal im Hauptort Paramaribo
eines der holländischen Holzhäuser und gehen mit Schmetterlingsnetz,
Botanisiertrommel und Farbkasten an die Arbeit. Zuerst erkundeten Maria Sibylla
und Dorothea Maria die nähere Umgebung der Hütte. Sie sammelten die Raupen und
Pflanzen, die sie dort fanden, aber auch Schlangen und Leguane faszinierten
Maria Sibylla. Wegen der Hitze musste sie die Tiere sofort präparieren, damit
sie nicht verschimmelten. Auch eine abgeschnittene Blume, das fanden die Frauen
schnell heraus, verwelkte sofort. Viele der lebend gesammelten Raupen gingen
auf dem Heimweg ebenfalls ein. Noch im Oktober 1699 malte Maria Sibylla die
erste Metamorphose eines Schmetterlings – auf eines der vielen mitgebrachten,
akkurat portionierten Stücke carta non nata: das ist Pergament aus der
Haut ungeborener Tiere, feiner als jede Leinwand oder bestes handgeschöpftes
Papier.
Falter für Falter fertigt die Künstlerin Merian nun
Dutzende dieser Aquarelle: die Kostbarkeiten ihres Studienbuchs, heute in
Besitz der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg. Zu jedem machte die
Forscherin so präzise wie poetische Notizen: „Diese Raupe nahm ich mit nach
Hause, und sie verwandelte sich gar schnell in eine holzfarbene Puppe. Vierzehn
Tage danach... schlüpfte daraus ein wunderschöner Tagfalter. Er sieht aus wie
poliertes Silber, mit dem schönsten Ultramarin überzogen, grün und
purpurfarben.“ (Brunner, 2000, S.108)
Bald wagten sich die beiden Frauen auch ins Landesinnere
vor. Im April 1700 besuchten die Merians die Farm der Familie Sommeldijk. Diese
65 km entfernte Farm lag am Rande des Dschungels. Von dort unternahmen die
Frauen ihre Vorstöße in den Regenwald. Bei ihren Ausflügen wurden sie von
Sklaven begleitet, die ihnen den Weg freischlugen. Der Wald, berichtete Maria
Sibylla, ist so dicht mit Disteln und Dornen verwachsen, dass sie ihre Sklaven
mit Beilen in der Hand vorschicken musste, damit diese für sie eine Öffnung
hackten, um hindurchzukommen.
Auf Verständnis konnte sie dabei nur noch bei ihren
Sklaven zählen. Von den Europäern wurde sie verspottet, da sie etwas anderes in
dem Land suchte als Zucker. Und sie probierte, sammelte, registrierte wirklich
alles. Maria Sibylla interessierte sich auch sehr für die Lebensweisen der
Sklaven. Sie rief die Weißen auf, die Sklaven freizulassen oder sie wenigstens
besser zu behandeln. Auch für die Indianer zeigte Maria Sibylla großes
Interesse. Von ihnen ließ sie sich viele Insekten zeigen. Die Indianer stellten
ihr auch die Früchte der Tropen vor: Maria Sibylla probierte Ananas, Grapefruit
und Bananen. Diese Früchte beschrieb sie auch in ihren Notizen. Sie erfragte
von den Indianern jeden Pflanzennamen, auch warum sie den „Marmeladendosenbaum“
so nennen. Notierte, aus welcher Wurzel sie Brot backen. Dass sie manche Würmer
als „delikate Speise“ verzehren. Den tumben Zuckerbaronen schrieb sie ins
Stammbuch, dass man die hiesigen Weintrauben bestens kultivieren könnte, ebenso
Seidenraupen, Vanille, Kirsche, Feige, Pflaume. Aus der entomologischen
Exkursion ist längst ein Beispiel früher ökologischer Naturforschung geworden.
Im Frühjahr 1701 forderte der wuchernde, fiebrige Kosmos
Surinams seinen Tribut: Maria Sibylla erkrankt an Malaria. Am 18 Juni schiffen
sich die beiden Frauen mit dem Segler „Frieden“ nach Holland ein, beladen mit
der Ausbeute zweier Jahre Forscherfron, mit einzigartigen Bildern, Präparaten,
Erkenntnissen.
2.4 Der Lebensabend in
Amsterdam
Angekommen in Amsterdam, veranstaltete Maria Sibylla eine
Ausstellung der Präparate aus Surinam. Und sie plante bereits ein neues Werk.
Dieses Buch über die Tier- und Pflanzenwelt Surinams sollte ein Prachtband
werden. Um das Geld dafür zu verdienen, handelte sie wieder mit Insekten aus
Surinam. Dabei unterstützten sie ihre Töchter und deren Männer, Dorothea Maria
hatte inzwischen den Schiffsarzt Phillip Hendriks geheiratet. Auch bei Maria
Sibyllas Surinambuch standen die Falter wieder im Vordergrund eines jeden
Bildes. Doch bei diesem Werk verzieren auch Schlangen, Spinnen, Leguane oder
Käfer die Bilder. Um die Tiere und Pflanzen zu beschreiben, griff sie auf
Vergleiche mit europäischen Tieren und Pflanzen, z.B. Quitten, zurück. Dieses
Buch erschien in Holländisch und in Lateinisch. Bei der Übersetzung half ihr
Caspar Commelin, ein befreundeter Botaniker, der auch viele der Pflanzen
klassifizierte. Um die Entwürfe in Kupfer zu stechen, musste Maria Sibylla drei
Kupferstecher einstellen .Sie brauchten drei Jahre dafür. Damit sie die
Kupferstecher bezahlen konnte, nahm sie Vorbestellungen an und akzeptierte
sogar Ratenzahlungen. Aber 1705 hatte sie es geschafft: : Das Buch mit dem
Titel “Metamorphosis Insektorum Surinamensium” erschien (siehe 3.5). In den
Jahren 1714/15 erschienen auch die ersten beiden Teile des Raupenbuchs, das sie
ins Holländische übersetzt hatte. 1717, zwei Jahre nachdem sie einen
Schlaganfall erlitten hatte, starb Maria Sibylla Merian „unvermögend“, wie das
Totenregister vermerkt. Ihr surinamesischer Schmetterlingstraum hatte sie an
den Rand des Ruins gebracht. Der Weltruhm war ihr jedoch gewiss. Ihre Tochter
Dorothea Maria sorgte für ihr Andenken: Im Herbst 1717 erschien auch der dritte
Teil des Raupenbuchs auf Holländisch.
Zu Beginn der Aufklärung existierte die Insektenkunde,
die heute Entomologie heißt, als eigenständige Wissenschaft noch nicht. Biologie bedeutete damals Klassifikation.
Nichts anderes machte Maria Sibylla Merian, wenn sie systematisch beobachtete,
beschrieb und zuordnete. Sie betrat unerschrocken wissenschaftliches Neuland
und wurde so zur ersten deutschen Insektenforscherin, ja zu einer der ersten
modernen Naturforscherin auf der Welt überhaupt. Sie brauchte dazu außer ihrem
Fleiß und ihrer Geduld auch ein Gefühl für Zusammenhänge und eine gehörige
Portion Intuition. Sie hatte den Genius, der Frauen oft abgesprochen wird.
Maria Sybilla Merian hat es geschafft, ohne eine höhere Bildung
wissenschaftliche Arbeit zu leisten und dafür anerkannt zu werden.
Die Blumenmalerin hatte ihren Platz in der Kunstgeschichte wie in der Geschichte der Botanik und Zoologie, denn ihr Mut, in einer Epoche, in der Naturforschung nahezu ausschließlich von Männern betrieben wurde, die Flora und Fauna Mittelamerikas in ihrer Artenvielfalt zu erforschen und bildhaft in ihren Kupferstichen zu dokumentieren, war beispielhaft. Heute, wo die Erforschung und Beschreibung der Artenvielfalt auf unserer Erde fast nicht mehr Schritt halten kann mit ihrer Zerstörung, ist das Werk von Maria Sibylla Merian aktueller denn je, denn viele der Blumen und Tiere, die sie in ihren Werken porträtierte, drohen von der Erde zu verschwinden.
Maria Sibylla Merian war in der Tat ein Kind des Barock, denn keine Epoche der europäischen Kulturgeschichte ist so von Widersprüchen geprägt wie das Zeitalter des Barock. Trotz unterschiedlicher Elemente hat es kaum je einen derart dichten Zusammenhang zwischen Literatur, Malerei und Musik gegeben. Humanismus und Renaissance hatten den Blick auf das Diesseits gelenkt und ein säkularisiertes Weltbild entworfen. Das Barockzeitalter veränderte die Perspektive, der Tod ist allgegenwärtig, die durchaus vorhandene Weltlust ist stets von der Gewissheit ihrer Endlichkeit überschattet.
3.1 Allgemeines zu Ihren Werken
und der Technik
Maria Sybilla Merians herrliche Kupferstiche verschafften ihr einen
großen Namen und gehören heute zu den Besonderheiten in den Mappen der
Kunstsammler. Eines ihrer herausragenden Werke war das „Insektenbuch“.
Bedeutende Sammler von naturwissenschaftlich-botanischen Werken scheuen werder
Kosten noch Mühe die Ausgaben mit altkolorierten Kupferstichen, deren heutiger
Wert sehr hoch notiert wird, in ihren Besitz zu bringen. Das “Taschenbuch der
Auktionspreise Alter Bücher” aus dem Jahr 1983 verzeichnet folgende
Eintragungen: Histoire générale des insectes de Surinam et toute l’Europe, 3.
Auflage, Bd. III Paris, L.C. Desnos, 1771 Gr.fol. 69 DM 14.000.—Das Buch in der
Ausgabe des Versteigerungskataloges von 1983 DM 32.500.-- Auch ihre anderen Werke werden heute
weltweit von Liebhabern gesammelt.
Der von ihr angewandte Kupferstich setzte sich, nach anfänglichen
Schwierigkeiten, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch. Es ist ein
Tiefdruckverfahren, bei dem die druckenden Teile vertieft im Druckstock liegen.
Auf einer blankpolierten Kupferplatte wird mittels eines Grabstichels die
Zeichnung aufgebracht. Dann wird auf die etwas erwärmte Platte Farbe
aufgetragen, die Fläche dann wieder poliert und auf einem Laufbrett durch zwei
Walzen gezogen. Das auf der Platte aufgelegte Papier nimmt bei diesem Vorgang
die in den Ritzen haftende Farbe auf. Der Kupferstich war besonders für Pracht-
und Repräsentationsbände geeignet, also sehr gut für die Natur- und
Insektenkunde. Der Nachteil ist in den hohen Herstellungskosten zu sehen.
(Funke, F., Buchkunde, 1978 + Das große Lexikon der Graphik, 1989)
(Quelle:
Maria Sibylla Merian: Neues Blumenbuch, 1999)
a.)Allgemeines und Inhalt
Das sorgfältig edierte Blumenbuch ist das erste Werk Maria Sybilla Merians und von außergewöhnlicher Seltenheit. Das Werk erschien in 3 Teilen und war mit jeweils 12 Tafeln versehen. Der erste Teil aus dem Jahre 1675 trug ein lateinisches Titelblatt (Florum Fasciulus Primus). 1677 erschien der zweite und 1688 der dritte Teil. Im Gegensatz zur ersten Ausgabe waren diese beiden Teile mit einem deutschen Titelblatt ausgestattet. Maria Sibylla Merian war 33 Jahre alt, als die 3. Ausgabe erschien und sie verband, als Neuerung, diese Ausgabe als Zusammenfassung aller drei Teile und benannte diese Edition von nun an „Neues Blumenbuch“. Käufer, die bereits in Besitz der ersten beiden Teile waren, konnten durch Erwerb des neuen Vorworts und des Register ein komplettes Werk binden lassen oder die Gasamtausgabe neu erwerben.
Jeder Abschnitt des Blumenbuches besteht aus zwölf Blättern, einem Blumenkranz und elf Blumen oder Blumengebinden, die Maria Sibylla nach dem Leben gemalt und selbst in Kupfer gestochen hat. Merian vereinigt in ihrem Blumenbuch die bekanntesten und beliebtesten Pflanzen der Zeit. Einzeln stellt sie Hyazinthe, Narzisse, Tulpe, Anemonen, Lilie, Goldwurz, Stiefmütterchen, Rose und Pfingstrosen dar. Im zweiten Teil folgen Schlüsselblume, Kaiserkrone, Tulpe, Veilchen, Ranunkel, Lilien, Nelken. Das Blumenbuch vereinigt verschiedenen Formen der Blumenmalerein: Neben dekorativen Blumenkränzen finden sich Blumenkorb und Blumenvase in der Tradition des Stillebens, dann die einzelnen Blumenporträts und schließlich erste Anzeichen ihres neuen ökologischen Blicks auf den biologischen Kreislauf von Blumen und Insekten.
b.) Technik:
Für ihr erstes Buch entwarf Maria Sibylla eigene Bilder,
doch sie kopierte – wie damals durchaus üblich – auch aus anderen Werken. Sie
verwendete Vorlagen ihres Stiefvaters Morell und des alten Merian. Maria
Sybilla übernahm sieben Motive aus dem Blumenatlas des Nicolas Robert (1614 –
1685) seitenrichtig oder seitenverkehrt in den ersten Teil ihres Blumenbuchs.
Die Blumenkränze des zweiten und dritten Teils orientierten sich wiederum an den 1673 erschienenen „Plusieurs
Guirlandes, vases et bouquets des fleurs“. Robert war seit 1644 französischer
Hofmaler und wegen seiner naturnahen Tier- und Pflanzendarstellungen angesehen.
Es genügte ihr jedoch nicht, diese Vorlagen einfach zu kopieren, sondern sie
brachte durchaus ihre eigene Vorstellung und ihren eigenen Gestaltungswillen
zur Geltung. Am Beispiel der Osterglocken (Teil I, Blatt No. 4 ) ist zu
erkennen, dass die Künstlerin den Schmetterling auf die linke Seite versetzte,
um auf der rechten Seite eine Raupe einzufügen. Bei den Schwertlilien (Teil I,
Blatt No. 8) opferte sie ein Blatt, um Platz für einen Falter zu schaffen.
Diese beiden Beispiele zeigen deutlich die Eigenständigkeit Maria Sibylla
Merians und ihren gelungenen Versuch, das Blumenbild lebendig und naturnah zu
gestalten.
c.) Resonanz:
Maria Sybilla hoffte, dass ihre Arbeit allen
künstlerische Interessierten nützlich sein könnte, doch solle diese Blumenbuch
in erster Linie den auf diesem Gebiet ambitionierten Damen als Mal-, Näh- und
Stickvorlage dienen.
Das Blumenbuch verlegte Johann Andreas Graff in Nürnberg. In der Stadt hatte sie es damals schon zu Ansehen und erstem öffentlichen Ruhm gebracht. Der Maler Joachim von Sandrart (1606-1688, ab 1674 Direktor der Kunstakademie), ein alter Freund der Familie Merian aus Frankfurt, war inzwischen auch nach Nürnberg gezogen. Dort veröffentlichte er im Jahre 1675 die erste deutsche Kunstgeschichte namens „Teutsche Academie der Edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste“ (Maria Sybilla Merian: Neues Blumenbuch, S. 92, Sandrat, Joachim, Prestel Verlag ). Der Kupferstecher und Kunsthistoriker nahm in diesem Werk die Tochter des alten Merian auf. Aus seinem Text spricht wirkliche Bewunderung und Anerkennung für Maria Sybillas Arbeit. Er bestätigte in seiner Kurzbiographie ihre Kunstfertigkeit in der Stoffmalerei und im Sticken, also der „Nadelmalerei“, auch wies er ausdrücklich darauf hin, dass sie mitten in der Arbeit für ein Buch stecke. Wie er schreibt, führt sie naturwissenschaftliche Beobachtungen durch. “...besonderlich auch in den Exkrementen der Würmlein, Fliegen, Mucken, Spinnen und dergleichen Nathur der Tieren auszubilden, mit samt deren Veränderung, wie selbige Anfang seyn, und hernach zu lebendigen Thieren werden, samt deren Kräutern, wovon sie ihre Nahrung haben, mit großem Fleiß, Zier und Geist, so wol in der Zeichnung als in den colorirten Farben und Rundirungen meisterhaft zuwege gebracht.“ (Maria Sybilla Merian: Neues Blumenbuch, 1999, S.16 oben)
|
Paeonia Betonien-Rose und Knopf (Knospe) im 1. Teil des Blumenbuches, Tafel
12 Nürnberg
1675 |
|
(Maria Sybilla Merian: Neues Blumenbuch, 1999, S. 14) |
|
Register
aus dem Neuen Blumenbuch
|
|
(Maria Sybilla Merian: Neues Blumenbuch, 1999, S.3) |
|
in Blumen-Körblein im 3. Teil des Blumenbuches, Tafel 2 Nürnberg
1688 |
|
(Maria Sybilla Merian: Neues Blumenbuch, 1999, S.28) |
(Quelle:
Kerner, 1998; Kaiser, 1997)
a) Allgemeines
Im Jahre 1679 brachte Merian ein neues Buch heraus, an
dem sie fünf Jahre lang – parallel zu ihrem Blumenbuch – gearbeitet hatte. Es
war ihr erstes wirkliches Wunderwerk. Sie nannte es: „Der Raupen wunderbare
Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“. Werbe- und medienwirksam betont
Merian die Originalität ihrer Methode. Sie weist nicht ohne Stolz darauf hin,
dass sie selbst geschrieben, gemalt, gestochen und verlegt, also als Autorin,
Künstlerin und Verlegerin in einer Person das Werk geschaffen hat und erläutert
ihr Werk durch folgenden Text:
„...Den Naturkündigern,
Kunstmahlern, und
Gartenliebhabern zu Dienst,
fleissig untersucht,
kürzlich beschrieben, nach dem
Leben abgemahlt,
ins Kupfer gestochen, und selbst
verlegt, von Maria
Sibylla Gräffin, Matthaei:
Merians, des Eltern, Seel.
Tochter. In Nürnberg zu finden,
bey Johann Andreas
Graffen, Mahlern, in Frankfurt,
und Leipzig, bey David
Funken. Gedruckt bei Andreas Knortzen,
1679“
(Kaiser, 1997, S. 89)
Das Original-Raupenbuch - einige kostbare Exemplare befinden sich noch in Museen - ist nicht im Kleinfolioformat des
Blumenbuchs (20,3 x 14,4 cm oder
21 x 15,5 cm),
sondern im kleineren Quartformat (15
x 11 oder 12 cm) erschienen.
Es war in Leder gebunden und aufgrund des Büttenpapiers viel dicker. Einige
Ausgaben waren mit Goldschnitt geschmückt. Der erste Teil des Raupenbuchs
umfasste 102 Textseiten und 50 Abbildungen. Jeder Kupferstich des Raupenbuchs wurde nummeriert und
ein bis zwei Seiten Beobachtungsprotokolle mit dieser Nummer und dem Namen der
Futterpflanze der jeweiligen Raupe in deutscher und lateinischer Sprache
zugeordnet.
Auch dieses zweite Werk erschien im Verlag ihres Mannes
in Nürnberg, wurde jedoch ausdrücklich auch in der Messestadt Leipzig und in
Frankfurt angeboten um ein noch größeres Publikum zu erreichen.
Natürlich fehlte auch im Raupenbuch der Verweis auf den
berühmten Vater – was als Empfehlung und Werbung zugleich dienen sollte – nicht
und stellte sich somit bewusst in die Familientradition. Sie war eben nicht nur
Frau Gräffin, sondern Matthäus Merians Tochter geblieben. Ihren Mann erwähnte
sie im Vorwort zum ersten und zum letzten Mal in einem ihrer Bücher. Sie
betonte, dass sie die Futterpflanzen abgezeichnet habe „...mit wohlgeleister
Hülfe meines Eheliebsten,...“ (Kaiser, 1997, S. 93, mitte).
Bemerkenswert war auch, dass sie, dank der Hilfe und
Ermutigung ihres Mannes ihre Forschungsergebnis in deutscher Sprache abfasste.
Das war damals sehr ungewöhnlich und mutig, da Latein immer noch die
unumstrittene Sprache der Wissenschaft war, die an den Universitäten in aller
Welt zu Hause war.
Im Jahre 1683, veröffentlicht sie den zweiten Teil des
Raupenbuches in Frankfurt, wo das Meriansche Verlagshaus immer noch ansässig
ist. Sie weist im Vorwort darauf hin, dass nun „mehr als hundert Verwandlungen
gezeigt werden“ (Kaiser, 1997, S. 91, mitte), auf den wiederum 50 Tafeln. Um
den leeren Platz zu nutzen und Weitläufigkeit zu vermeiden, hat sie alles etwas gestrafft.
b.) Inhalt
Ein Geflecht aus Zweigen und Ästen eines roten
Maulbeerbaums ziert den ersten Kupferstich. Am Ende der sich umschlingenden
Zweige kann man die eingravierte Signatur von Maria Sibylla Merian erkennen. An
den abgeknabberten Blatträndern kann man den Appetit der zahlreichen
Seidenraupen wahrnehmen. Die Darstellung dieser Details war sicherlich kein
Zufall, sondern eine Danksagung an diese kleinen Lebewesen. Denn nur durch die
minutiöse Beobachtung des Lebenslaufs der Seidenraupen wurde Maria Sybilla mit
deren Veränderung und Verwandlung vertraut. Es war für Maria Sybilla ein
ehrliches Bedürfnis und ein sichtbares Anliegen die Titelseite mit diesen
Tieren in ihrer Umgebung zu gestalten und ihnen einen Ehrenplatz einzuräumen.
Denn es waren dies kleinen Tiere, die sie zu Beruf und Berufung führten, es
waren diese Tiere, die ihr Interesse schon in der Kindheit weckten und deren
Erforschung sie in späteren Jahren mit Fleiß und autodidaktischer Weiterbildung
betrieb. Sie wählte die 50 von ihr selbst gestochenen Kupfer ihres Raupenbuches
sehr sorgfältig aus. Maria Sybilla Merian hat sich dabei streng and die
Vorgaben der Natur gehalten, und auch dabei Pionierarbeit geleistet. Es wäre
für sie sicherlich leichter und weniger arbeitsaufwendig gewesen, hätte sie die
Platten einfach aus den bereits vorhandenen Mappen reicher Sammler abgekupfert.
Sie hat die Tiere in deren natürliche
Umfeld aufopfernd und akribisch beobachtet. Sie wollte vom ersten Kriechen
bis zum ersten Flug alles möglichst naturgetreu darstellen, ohne Übertreibung
und ohne Schnörkel. Ihr Focus war auf das tatsächliche Leben gerichtet. Jeder
Stich ist dabei ausgewogen, harmonisch und stimmig. Im Mittelpunkt der Stiche
ist für gewöhnlich eine Blume, Unkraut, Gemüse, ein Obstbaum oder eine Hecke zu
sehen. Der Schwerpunkt ihrer Komposition liegt dabei jeweils auf einer
Futterpflanze, auf die die Tiere zur Nahrung und Fortentwicklung angewiesen
sind. Auf diesen Pflanzen werden die Eier platziert und von dieser Pflanze
ernährt sich dann das kleine „Würmlein“ und wird dabei zur gefräßigen Raupe.
Auf Blättern, Verästelungen und kleinen Zweige
hängen die Puppen, aus denen schließlich, wie Phoenix aus der Asche, die
Schmetterlinge kriechen und sich im ewigen Kreislauf des Lebens wieder paaren
und ihrer Eier wieder auf der richtigen Futterpflanze ablegen. Jeder Stich
stellt eine kleine Welt für sich dar, einen Kreislauf. Modern ausgedrückt: Maria
Sibylla Merian dachte in ökologischen Zusammenhängen.
Unter Zuhilfenahme eines Vergrößerungsglases lässt sieh
ihre Darstellungen in unseren Augen lebendig werden.
c.) Zusammenfassung
Das Raupenbuch ist das chef-d’oeuvre einer hochbegabten,
schöpferischen Malerin, jenseits alles Hergebrachten, Nach Fertigstellung
dieses überragenden Werkes war Maria Sybilla Merian am Ziel ihrer Wünsche und
Hoffnungen, einem Ziel das seine Wurzeln in ihrer Kindheit hatte. Ihr eigner
Stil war gefunden und innerhalb ihrer Möglichkeiten nicht mehr zu steigern und
auszubauen. Diesem Stil blieb sie ihr Leben lang treu. Im Raupenbuch stellt sie
die Natur als Kunst und die Kunst als Natur dar. Beide Begriffe werden zu einem
Ganzen. Dieses Buch ist überragend und akademisch. Und es zeigt uns, dass Geist
nicht geschlechtsspezifisch ist. Doch wer in diesem Buch aufmerksam blättert
wird erkennen, dass diese Intuition, diese Empfindsamkeit, diese Zartheit,
diese sensible Geduld nur das Werk einer feinsinnigen Frau sein kann. Die
Wissenschaft der Botanik war in der damaligen Zeit durchaus auch für die Damen
eine geziemende Beschäftigung. Trotz gewisser Einschränkungen konnten sie ihr
Wissen an den Tag legen und sich vorsichtig entfalten. Die Geschichte der
Wissenschaft zeigt uns, dass es für Frau immer einfacher war akademisch tätig
zu sein wenn eine Fachrichtung noch nicht etabliert bzw. absolut männlich
dominiert war.
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Schwarze, süsse Kirschenblüe mit den Ständen des Maikäfers Kolorierte Radierung im 1. Band des Raupenbuches, Tafel 4 Nürnberg 1679 |
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(Pfister-Burkhalter,
1998, S.31/13) |
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Nachtschatten
mit Blattwespe und Kohlzünsler Radierung
im 3. Band des Raupenbuches, Tafel 2 |
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(Pfister-Burkhalter,
1998, S.35/15) |
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1. Band des Raupenbuches, Tafel 26, Nürnberg 1679 |
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(http://home.t-online.de/home/MSM.Krefeld/ausstell/bild/rau26.jpg) |
(Quelle:
Kerner, 1998 )
Währen ihres Aufenthalts in der Gemeinde der Labadisten
in Westfriesland in Holland (bis 1691) dachte Maria Sibylla nicht nur über ihr
bisheriges Leben nach, sondern sichtete auch kritisch ihre Arbeit und ordnete
alle handschriftlichen Aufzeichnungen, Ergebnisse und Insektenstudien aus der
Zeit seit 1660 systematisch neu.
Sie klebte meistens drei Studien auf ein Blatt, dessen
Rückseite frei blieb; auf ein zweites Blatt schrieb sie den erläuternden Text,
den sie von ihren Notizen kopierte, zum Teil auch aus dem Gedächtnis
formulierte und ordnete ihn durch entsprechende Nummerierung der richtigen
Zeichnung zu. Studien und Texte stellt sie auf einer Doppelseite einander
gegenüber, diese Doppelseiten band sie zu einem Buch. Auf diese Weise legt sie
sich in Friesland erstmals ein Journal an, das gleichzeitig auch eine Art
Archiv bzw. Nachschlagewerk oder Vorlagenbuch war. Dieses konnte Sie immer
wieder nach dem Erwerb neuer Erkenntnisse aktualisieren und mit den vorhandenen
alten Unterlagen vergleichen. Als Fußnote vermerkte sie genau, in welcher ihrer
Veröffentlichungen das Material Verwendung fand. Als Beispiel sei hier
angegeben: „Diese Verwandlung stehet in meinem Ersten Raupen theil No
25.“(Kerner, 1998, S.84, mitte). Nach ihrem Tod 1717 wurde dieses Journal als
„Studienbuch“, nach dem Fundort 1939 „Leningrade Studienbuch“ genannt. Das
Studienbuch besteht aus 133 Blättern mit Texten und 14 Blättern ohne Text. Es
enthält handschriftliche Aufzeichnungen (Beobachtungsprotokolle) und jeweils
zugeordnet 288 kleine Aquarelle und Deckfarbenmalereien, die vor allem
Insekten, Schmetterlinge und Käfer zeigen, aber auch andere Tiere wie Frösche
und Schnecken. Dieses Studienbuch gibt am besten Auskunft über ihre Arbeitsweise,
die sie bis an ihr Lebensende beihielt. Maria Sibylla Merian zeichnete die
Raupen und Falter zuerst für sich selbst sehr genau auf kleinen Stücken sehr
teuren Pergaments, „carta non nata“, d. h. der Haut ungeborener Tiere. Zur
genauen Darstellung der vielen winzig kleinen Details benötigte sie diesen
weißen glatten Malgrund; das damals übliche Papier und auch grundierte Leinwand
waren nicht geeignet. Diese kleinformatigen Studien, die sie ab 1660, also im
Alter von 13 Jahren, malte und durch ausführliche handschriftliche
Beobachtungen ergänzte, dienten insbesondere als Vorlagen für großformatige
Aquarelle, mit welchen sie die Metamorphose, d. h. der Entwicklungsstadien
eines oder mehrerer Insekten auf der Futterpflanze der jeweiligen Raupe
darstellen konnte. In einem zweiten Schritt stach sie dann nach diesen
Einzelstudien die Kupfer, auf denen die Futterpflanze und Tier schließlich
vereinigt und zu einem Bild wurden.
| Blatt
273 des Studienbuches |
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(http://home.t-online.de/home/MSM.Krefeld/ausstell/bild/leninstu.jpg) |
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Erste
Textseite des Studienbuches mit zugehöriger Studie 1
(http://home.t-online.de/home/MSM.Krefeld/ausstell/bild/stutx1.jpg) (http://home.t-online.de/home/MSM.Krefeld/ausstell/bild/seiwurm.jpg)
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(Quelle:
Maria Sybilla Merian: Neues Blumenbuch, 1999; Kerner, 1998; Kaier, 1997)
a.) Allgemeines
Maria Sibylla nannte ihr neues Buch: „Metamorphosis
Insectorum Surinamensium“, die Verwandlung der surinamischen Insekten. Mit
diesem Werk befand sich Maria Sibylla Merian auf dem Höhepunkt ihrer Kunst.
Auch dieses Buch unterscheidet sich wieder von seinen Vorgängern. Die
Unterschiede zeigen ihre wissenschaftliche und persönliche Entwicklung. Auf dem
Titelblatt steht diesmal selbstbewusst nur noch ihr Name, nicht mehr „Merians
Tochter“. Die Autorin hat die Fußstapfen des berühmten Vaters endgültig
verlassen. Sie ist nicht mehr nur Merians Tochter, ihr Name allein ist jetzt
Empfehlung genug.
Auch war für Maria Sibylla eines von Anfang ganz klar:
wenn sie ein Buch über die Insekten von Surinam herausgeben wollte, musste es
ein Prachtband werden, in Großfolio und auf „bestem Papier“. Die tropische
Fülle, die sie erlebt und gesehen, berochen und gefühlt hat, lässt sich nicht
mehr in ein kleines Format pressen. Die Künstlerin und die Forscherin konnte
und wollte sich nicht mehr mit dem Quartformat des Raupenbuches zufrieden
stellen. Doch um der üppigen Natur und den wunderbaren gefärbten Schmetterlinge
gerecht zu werden, musste sie diese „lebensgroß“ abbilden.
Sie wusste genau, wie teuer es ist und wie viel Arbeit
die großen Kupferplatten machen, die nötig sind, um ein Blatt im Format von
circa 70 x 50 Zentimetern zu illustrieren. Das Surinamwerk erschien nur in
Holländisch und Latein. Leider kam weder eine englische Ausgabe zustande, noch
erschien je eine Fassung in deutscher Sprache.
Dieser Prachtband in Imperialfolio ist die Vollendung
ihrer großen Lebensarbeit. Kann man das Raupenbuch im Quartformat als ihr
wissenschaftliches Hauptwerk bezeichnen, dann ist das großformatige Surinambuch
zweifellos ihre künstlerische Meisterleistung.
b.) Inhalt
Beim Blumenbuch hatte Merian auf Kommentare zu den
Bildern ganz verzichtet. Im Raupenbuch nehmen die Erläuterungen doppelt so
viele Seiten ein wie die Abbildungen. Im Surinambuch schließlich wählt sie
einen Mittelweg. Die 60 großen Tafeln stehen jetzt ganz im Vordergrund, die
erläuternden Texte sind kurz und bündig gegenübergestellt. Dargestellt werden
Früchte wie z.B. Ananas, Granatapfel, Banane oder Melone, Bäume, aber auch
einige Blumen wie Lilien, Rosen. Wie im Raupenbuch geht es Merian auch in
diesem dritten Werk nicht primär und die Pflanzen, sondern wiederum um das
Faszinosum der Metamorphose in der Welt der Schmetterlinge und der Insekten. In
diesem Werk, hat sie an die neunzig Beobachtungen von Raupen, Würmern und Maden
gezeigt, wie sie beim Häuten Farbe und Form verändern und sich schließlich in
Tagfalter, Eulenschmetterlinge, Käfer, Bienen und Fliegen verwandeln. Alle
diese Tiere hatte sie auf die Gewächse, Blumen und Früchte gesetzt, die sie für
ihren Lebensunterhalt fressen. Dazu hatte sie noch Spinnen, Ameisen, Schlangen,
Eidechsen, Kröten und Frösche dargestellt, nur zur Zierde, sie gehören nicht zu
den dargestellten Verwandlungen, die meisten nach eigener Beobachtung, einige
nach den Beschreibungen der Indianer. Solche Freiheiten hätte sie sich früher,
als sie das Raupenbuch verfasste, niemals herausgenommen. Immer stärker zogen
auch andere Tiere und nicht mehr allein die Schmetterlinge Maria Sibylla Merian
in ihren Bann.
An zahlreichen Stellen fügte Maria Sibylla ihre
Erlebnisse in Surinam ein und schilderte das Leben der Sklaven und Indianer:
„Die Indianer pressen den Saft (der Tabroubafrucht) aus und stellen ihn dann in
die Sonne, wo er schwarz wird. Sie bemalen damit ihren nackten Körper mit
allerlei Figuren. Diese Verzierung bleibt ihnen neun Tage erhalten. Vorher kann
sie mit keiner Seife abgewaschen werden. Die Frucht halten sie für giftig. Mit
dem Saft reiben sich die Indianer den Kopf ein, wenn dieser ihnen sehr juckt.
Da sie barhäuptig laufen und eine Art fliegender kleiner Tiere ihre Eier
ausscheiden, so fallen diese auf ihren Kopf, und daraus werden Würmer (gemeint
sind Fliegenmaden). Mit dem Saft töten und vertreiben sie diese Würmer.“
(Kaiser, 1997, S. 184, mitte). Dass sie darauf nicht verzichtet hat, brachte
ihrem Werk im 18. und 19. Jahrhundert den Ruf ein, nicht wissenschaftlich genug
zu sein.
Neben ihren eigentlichen Thema findet man eine Fülle von
Bemerkungen zu verschiedensten Gebieten. Von der Zubereitung von Speisen, über
Kultivierungsvorschläge tropischer Pflanzen bis zu ethnologische Beobachtungen reichten ihre Interessen.
Zahlreich finden sich Angaben über die Verwendung der Pflanzen als Heilmittel,
die sie von den Eingeborenen erfragte. Hier war sie ganze modern, interessiert
sich doch die pharmakologische Forschung heute verstärkt für diese Nutzung der
Tropenwälder.
c.) Resonanz
Der Verkauf des Surinambuches war kein finanzieller
Erfolg und sie konnte damit bestimmt keine Reichtümer anhäufen. Diese Tatsache
war jedoch schon lange in ihrem Bewusstsein. Der übermäßige Gelderwerb war nie
die Wurzel ihres Handelns, sondern ihre Neugierde und ihr wissenschaftlicher
Forschungsdrang. „Bei der Herstellung dieses Werkes bin ich nicht gewinnsüchtig
gewesen, sondern wollte mich damit begnügen, wenn ich meine Unkosten
zurückbekomme.“ (Kerner, 1998, S. 127, oben). Es ist jedoch fraglich, ob sie
selbst diesen eher bescheidenen Wunsch umsetzen konnte.
Das Surinambuch stellt einen Höhepunkt der europäischen Buchkunst
der frühen 18. Jahrhunderts dar. Für Merian war es in finanzieller und in
physischer Hinsicht ein großes Wagnis. Ihre Hoffnungen, in England und in
Deutschland ein größeres Publikum zu erreichen und so die Finanzierung der
teuren Edition im Vorfeld zu sichern, zerschlugen sich. So konnte nur eine
kleine Auflage jeweils in lateinischer und niederländischer Sprache gedruckt
werden.
Maria Sibylla Merian hat eines der ersten
naturwissenschaftlichen Bücher über die Tropen und ihren Regenwald geschrieben,
dessen Bedeutung erst heute ins Bewusstsein vieler Menschen gelangt, weil diese
Schatzkammer der Natur immer schneller verschwindet.
Die vorzügliche und gelungene Edition ihres Buches trug
ihre Fama über die Grenzen Hollands in die ganze Welt. Sowohl die
ambitionierten und kenntnisreichen Sammler als auch die anerkannten
Fachgelehrten waren mit ihren Arbeiten vertraut. Der schwedische Naturforscher
Carl von Linné (1707 bis 1778, Entwickler der biologischen Klassifikation)
gestand ihr für ihre Arbeiten und Forschungen einen Platz unter den
„Unsterblichen“ zu. Das Staunen der akademisch-gebildeten Welt galt ihrer
abenteuerlichen, mit Mühsal durchgeführten Reise – denn erst diese Reise machte
dieses facettenreiche Werk möglich. In einem Lobgedicht wurde diesem Staunen
Ausdruck verliehen und in Bewunderung für die Nachwelt festgehalten:
Sie stellt sich den Stürmen
entgegen,
Sie trotzt den Fluten,
Sibylla in Surinam sucht die
Natur
Mit weisem Geist und mit dem Herz
eines
Helden
Es war schon eine besondere
Erscheinung,
eine Frau zu sehen, die Meere
überquert,
um die Insekten von Amerika zu
malen.
(Kerner,
1998, S. 128)
(Eigene Übersetzung einer
Lobrede in einer französischen Ausgabe des Surinambuches, das nach ihrem Tod
erschienen ist.)
|
Jasmin
mit einem Falter, umringelt von
einem Schlänglein Kolorierter
Kupferstich von Pieter Sluyter
im Surinamwerk, Tafel 46 Amsterdam
1705
(Pfister-Burkhalter, 1998, S. 71/31)
|
|
Granatapfel
und –blüten mit Schmetterlingen der Familie
der Morphiden Kolorierter
Umdruck vom Kupferstich des Joseph
Mulder im Surinamwerk, Tafel 9 Amsterdam
1705
(Pfister-Burkhalter,
1998, S. 65/28)
|
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Baumwollblatt Jatropha, Mimikryfalter und Antaeusschwärmer Aquarell und Deckfarben St. Petersburg, Akademie der Wissenschaften
(Pfister-Burkhalter, 1998, S. 57/25) |
|
Blatt XII aus „Metamorphosis insectorum Suirnamensium“ mit dazugehöriger Erklärung von
Maria Sybilla Merian
(http://www.kb.nl/kb/100hoogte/hh-im/hh062.jpg)
|
Banane nennt man diese Frucht in Amerika. Sie wird wie ein
Apfel verwendet und ist von angenehmem Geschmack wie in Holland die Äpfel.
Diese Früchte sind gekocht und ungekocht gut. Unreif sind sie hellgrün. Die
reifen sind innen und außen zitronengelb. Sie haben eine dicke Schale wie
Zitronen. Sie hängen traubenweise. Jeder Baum trägt nur eine Traube. Jede
Traube hat 9 bis 10 Ringe, und jeder Ring hat 2 bis 14 Früchte, die alle
aufwärts gerichtet sind. Die Blüte ist wie eine sehr schöne Blume mit fünf
blutroten Blättern, so dick wie Leder, auf der Unterseite mit blauem Tau
besetzt. Die Blüte tritt gleichzeitig mit der Frucht auf. Die Traube ist so
groß, dass sie nur ein Mann tragen kann. Der Baum ist holzig wie Kohl. Der
Stamm ist vielfach geschachtelt. In sechs Monaten wachsen die Schösslinge bis
13 Fuß hoch, sie sind etwa so stark wie ein dicker Mastbaum. Die Blätter sind
mehr als sieben Fuß lang, ein und einen halben Fuß breit und lieblich grün. Man
legt dieselben unter das Brot und schiebt dies damit in den Backofen. Auf
diesem Baum fand ich die hellgrüne Raupe und fütterte sie mit dessen Blättern
bis zum 21. April, als sie ihre Haut abwarf, zu einer Puppe wurde und sich am
10. Mai in so einen schönen Eulenfalter verwandelte. Das Gewächs ist die Musa
Serapionis und hat so viele Namen bekommen, wie sie von Autoren beschrieben
worden ist. All diese Namen, den anderen hinzugefügt, werden in meiner Flora
Malabarica unter dem Namen Ficoides seu Ficus indica, Longissimo Latissimoque
folio, fructo Longissimo, Musa Serapionis dicta Herrn. Cat. dargestellt.
(http://home.wtal.de/hh/suribuch/su12.htm)
2.
April 1647 Geburt in
Frankfurt am Main. Tochter des berühmten Kupferstechers
u.
Buchverlegers Matthäus Merian. Geschwister Matthäus Merian der
der Jüngere
geb. 1621, Caspar geb. 1627 u. Joachim geb. 1635.
1650 Tod des Vaters in
Frankfurt am Main.
1651 Mutter von Maria
Sibylla heiratet Jakob Morell, Maler. Durch den Stief-
vater
Übertragung positiver künstlerischer Impulse auf M.S. Strenge Er-
ziehung der
Mutter . Vom 13. – 18. Lebensjahr Festigung des Interesses
für Erforschung und Darstellung von Insekten und
besonders v. Raupen.
1665
Am
16.05.1665 Heirat mit Johann Andreas Graff (Architekturmaler) Anschl.
Fruchtbare Zusammenarbeit mit Abraham Mignon,
Blumenmaler.
1668 Geburt der Tochter
Johanna Helena, Umzug nach Nürnberg in das Haus Graff.
Gründung
einer Malschule, lukrative Aufträge als Stoffmalerin.
1675
Erscheinungsjahr
des ersten Buches. Teil I des „Blumenbuches“ – lat.Titel
„Florium Fascilus Primus“
1676
Erscheinungsjahr
des Buches „zweyte Blumen-Theil“.
1678 Geburt der zweiten
Tochter Dorothea Maria
1679 Erscheinen des 3.
und letzten Teiles. Nach zwanzig Jahren Vorbereitungszeit
Erscheinen des Raupenbuches.
1680
Neuauflage
aller drei Teile des Blumenbuches.
1681
Todesjahr
des Stiefvaters Jacob Morell.
1682
Umzug
zurück nach Frankfurt am Main. Beginnende Entfremdung von J.A.Graff
1683
Veröffentlichung
des zweiten Teiles des Raupenbuches.
1684
Trennung
von J.A.Graff. Umzug mit Mutter u. Töchtern nach Wieuwerd in
Holland.
Aufenthalt
auf Schloß Waltha zus. mit Bruder Caspar. Anschluß an die Labadisten,
einer
radikalen protestantischen Glaubensbewegung.
1686
Tode
des Bruders Caspar.
1690
Tod
der Mutter.
1691
Umzug
nach Amsterdam. Einweisung in die Mikroscopie durch Antonie van
Leeuwenhoek (1632-1723). Umfangreiche Weiterbildung.
1692
Endgültige
Scheidung von J.A. Graff
1699
Reise
mit Tochter Dorothea Maria nach Surinam. Erforschung u. Darstellung der
Surinamensischen Fauna und Flora.
1701 Erkrankung an
Malaria und Rückkehr nach Amsterdam.
1702
Beginn
der Arbeit am Surinambuch.
1705
60
Kupfertafeln (davon nur 3 von ihr selbst) liegen vor. Erscheinen des Buches
„Metamorphosis Insectorum Surinamensium“(
Holländisch und Latein)
Schlechter Verkauf, aber weltweiter Erfolg.
1717 Am 13. Januar 1717 stirbt Maria Sibylla Merian und wird in einem Armen Grab
beerdigt
Biographien:
- Kerner, C., Seidenraupe, Dschungelblüte; Die Lebensgeschichte der Maria Sybilla Merian, Beltz Verlag, 1998)
- Quednau, W., Maria Sibylla Merian; Der Lebensweg einer Grossen Künstlerin und Forscherin, Gütersloh, Sigbert Mohn Verlag, „o.J“
- Kaiser, H., Maria Sibylla Merian, Eine Biographie, Düsseldorf; Zürich,
Artemis und Winkler, 1997
- Maria
Sibylla Merian : Neues Blumenbuch, Faksimile und Kommentarband im Schmuckschuber,
mit Beiträgen zur Biographie und zur Geschichte der Botanik von Thomas Bürger
und Marina Heilmeyer, Prestel Verlag,
München, 1999
- Pfister-Burkhalter, M., Maria Sybilla Merian. Leben und Werk.
1647-1717, Basel, GS-Verlag, 1998
Zeitschriften/Zeitungen:
- Brunner, E., Lady
Butterfly, in National Geographic Deutschland, Juni 2000, S. 106-110
- Medick, H., Wunderbare Aufsicht, FAZ vom 4.09.99
Sonstige:
- Taschenbuch der
Auktionspreise alter Bücher, Verlag S. Radtke, Achen Verlag für Büchersammler,
Ausgabe 1983, Ausgabe im freien Handel nicht erhältlich
- Köhl, P., Dekorative Graphik, Battenberg
Antiquitäten-Katalog, 1978
- Enzyklopädie der Religionen, Tropic Verlag, Karlsfeld
bei München, 1990
(Mitarbeiter von
Religionswissenschaften)
- Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band IV,
Traugott Bautz
Verlag,1992
- Das große Lexikon der Graphik; Künstler, Techniken,
Hinweise für Sammler; Tigris
Verlag GmbH,
Köln 1989
- Funke, F., Buchkunde: e. Überblick über die Geschichte
Des Buch- und
Schriftwesens, 4. Auflage,
unveränd. Nachdruck d. 2., verb. und erw. Aufl., München, New York: Verlag
Dokumentation Saur, 1978 (ISBN 3-7940-4219-0)