1 Gute Gedanken können viel bewirken

von Petra , Marie und Daniela


"Julia, aufstehen!", rief meine Mutter laut aus der Küche. Gähnend rieb ich mir die Augen und mir fiel überglücklich ein, dass ich heute ja Geburtstag hatte! Vor Müdigkeit schlug ich mir den Kopf am Bettende an ... Aua!

Doch plötzlich bemerkte ich aus dem Augenwinkel einen Schatten am Bettende, der immer riesiger wurde. Voller Panik sprang ich mit einem Mal hellwach aus dem Bett. Er verwandelte sich zischend in einen gewaltigen, in allen Farben funkelnden Luftwirbel, der mich gewaltsam mitriss.

Ich landete weich auf einer grünen Wolke, die unter meinen Füßen wie Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt knirschte. Verwundert blickte ich mich um, und was ich nun sah, raubte mir fast den Atem. Überall trieben bunte Wolken langsam dahin. Unter mir lag ein seltsamer Wald. Die Bäume waren so groß wie Wolkenkratzer und hatten blau verzierte, mit Silberstaub übersäte Blätter. Über die Wiesen verstreut glitzerten viele Eisblumen. In diesem Moment zupfte mich etwas sanft am Ärmel. Verwundert sah ich an mir herab und entdeckte ein seltsames Wesen. Die pinkfarbene, fliegende Kugel hatte weiß funkelnde Engelsflügel, die sie wie Hände benutzen konnte, und blickte mich aus großen Glubschaugen an. "Hallo, ich heiße Keks! Ich komme aus dem Land der vier Jahreszeiten. Unsere Welt wird von bösen Drachen und ihren Helfern, den Kobolden, bedroht. Deshalb wurde ich als dein Helfer auserwählt, um mit dir zusammen die Drachen zu besiegen. Dazu müssen wir einen weiten Weg hinter uns legen, nämlich den Zauberwald durchqueren und viele Abenteuer überstehen; die Drachen befinden sich in einem  brodelnden Vulkan. Wir müssen uns gleich auf den Weg machen, denn es dauert nicht mehr lange, bis unsere fantastische Welt ganz zerstört ist. Wir werden vielleicht die einzigen mutigen Retter sein, die sich trauen, diese schrecklichen Riesendrachen herauszufordern. Also los!"

Ich konnte nichts mehr sagen, da ich total überwältigt war, dass ich, die kleine, schwache Julia, eine ganze Welt retten sollte! Aber jetzt mussten wir wohl wirklich los. Keks nahm mich auf den Rücken und wir flogen nach unten.

Auf dem weichen Moosboden angekommen, musste ich zu Fuß weiterlaufen, da mich Keks nicht mehr weiter tragen konnte. "Ich kann dich einfach nicht mehr schleppen!", jammerte das kleine Wesen erschöpft.
Da kam der Anfang unseres Abenteuers auf uns zu, da wir gemeinsam auf den nahe gelegenen Waldrand zustapften. Nach wenigen Minuten erreichten wir eine mächtige Eiche. Ein seltsames Schaben drang aus dem Baum an mein Ohr. In diesem Moment sprang uns ein seltsames Wesen an, halb Spinne, halb Löwe. Die bizarre Gestalt trug auf dem unförmigen Kopf einen roten Hut mit breiter Krempe. Giftgrüne, steife Haare standen nach allen Seiten des Körpers ab. Den flachen Rücken verzierten gelbe und schwarze Streifen, der lange Schwanz hing lose auf den Boden herab. Vor Schreck kreischte ich erschrocken auf. "Zutritt nur den Bewohnern dieses Waldes gestattet!", sprach das  eigenartige Tier mit monotoner Stimme. "Hier ist meine Genehmigung.", antwortete Keks genauso monoton. Auch ich zog zu meinem großen Erstaunen ein rosafarbenes Formular aus der Hosentasche. "Ist das Formular echt und nicht gefälscht?", fragte mein seltsames Gegenüber forschend. "Keine Ahnung", brummte ich unwillig zurück. Wir liefen dann aber lieber weg, weil wir keine Lust hatten, weiter zu diskutieren. Einem Gepard gleich drangen wir in das scheinbar undurchdringliche Dickicht ein.

Dunkelheit senkte sich über uns und es erschien mir so, als ob die Bäume mit langen, dürren Fingern nach uns greifen würden. Wir legten uns auf den nassen Boden und schliefen sofort hundemüde ein.

Am nächsten Tag mussten wir weiterziehen - und schon kam ein weiteres Hindernis auf uns zu: Vor uns tauchten böse Hexen auf und wollten uns fauchend verzehren. Ihre tiefblauen Miniröcke passten gut zu ihren hellblauen Stöckelschuhen. Eigentlich sahen sie ja sehr hübsch aus, aber ihr übers ganze Gesicht verteilter Lippenstift wirkte abstoßend. Bodenlanges, nachtschwarzes Haar umwehte die Dämonen. "Hilfe!!!", kreischten wir entsetzt, denn die mit den blutroten Flügeln schlagenden Ungeheuer versuchten uns mit ihren muskulösen Armen zu erwürgen. In letzter Sekunde rannten wir so schnell davon, wie unsere Beine uns trugen. Zum Glück folgten uns die weiblichen Bösewichte nicht. Es schien so, als sei alle Welt gegen uns!
 "Wie lange brauchen wir noch? Ich kann nicht mehr!", keuchte ich bedrückt. "Stell dich nicht so an! OK, es dauert wirklich nicht mehr lang." Ich war erleichtert. Wir waren an einer Lichtung angekommen und ruhten uns aus. "Wo sind wir?", fragte ich mit ängstlicher Miene.  "Wir sind in ... ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, tut mir Leid." antwortete Keks traurig. "Wie wäre es, wenn wir diese Lichtung erkunden?", fragte ich, wieder recht neugierig. "Ja, OK!", erwiderte Keks scheinbar verschmitzt, doch sein Grinsen verriet mir, dass es keinen Anlass zur Freude oder Sorglosigkeit gab. Wir rannten über die mit Gras bewachsene Lichtung und entdeckten einen gewölbten Hügel. Was das wohl war?

"Mist, jetzt haben wir uns verlaufen!!!", meinte ich verunsichert, als wir an dem Hügel angekommen waren. Aber da sahen wir ein hell leuchtendes, rotes Licht am Himmel; als ob uns das befohlen worden sei, folgten wir dem Licht, und als wenn Keks wüsste, wo wir hingingen, führte er uns zu dem bewachten Vulkan, in dem angeblich die Riesendrachen hausten und der zu unserem Erstaunen noch knapp zehn Kilometer entfernt war.


"Ah! Die Kobolde, die Helfer der Drachen!", schrie ich plötzlich voller Panik. "Leise, nicht so laut, das macht sie auf uns aufmerksam!", flüsterte Keks streng. Die Kobolde hatten schlammgrüne Haut und kackbraune Augen, ihre Hosen waren ebenfalls dunkelbraun; ihre Hörner waren so spitz wie geschliffene Messer und ihre fiesen Mienen schauten so böse in die Welt, dass mich ein eiskalter Schauer überfuhr. Jedes der Monster war etwa dreißig Zentimeter kleiner als ich, doch in ihren Klauen, so groß wie Schaufeln, schwangen diese Feinde riesige, mit spitzen Dornen besetzte Morgensterne.  


Es waren gigantische Armeen von Kobolden, die nur auf Eindringlinge warteten, um sie zu töten.

Doch plötzlich geschah etwas mit den Flügeln von Keks, denn sie leuchteten auf und sendeten für uns kaum wahrnehmbare, ganz hohe Schallwellen aus. Daraufhin hielten sich die Kobolde die Ohren zu, gaben furchtbare Töne von sich (die wie Grunzen, Fauchen und Weinen zugleich klangen) - und zu meinem Erstaunen liefen sie alle weg, um ihr Leben zu schützen.

"W... wie, wie hast du das gemacht?", fragte ich erstaunt. "Das war ganz einfach, du musst einfach nur an etwas Schönes denken und dann...ja, den Rest hast du ja gesehen.", erklärte mir Keks. Mit vielstimmigem Jubelgeschrei rannten wir den Vulkan hinauf.

Dort oben, in vielen Metern Höhe, nach langem und beschwerlichem Aufstieg angekommen, verschlug es uns die Sprache. Überall waberten Dampfschwaden aus Rauch und Schwefel herum. Dunkelgrauer Qualm aus dem Krater erschwerte das Atmen, sodass wir husten mussten. Blutrote Lava floss zäh und langsam den Hang hinab und siedend heißes Feuer kochte im Schlot des schwarzen Vulkans. Die Angst überkam mich und alle Furcht vor den Drachen stieg wieder in mir hoch. Was würde uns erwarten???

In diesem Moment erscholl ein ohrenbetäubendes Fauchen und gleich drei dreiköpfige Drachen flogen brüllend aus dem schrecklichen Feuer. Ihre mächtigen Schädel mit je zwei gebogenen Hörnern schwenkten hin und her und schließlich senkten sich ihre fiesen Blicke aus den gelben Augen auf mich und Keks. Die rot geschuppten Körper schlängelten sich schwebend unruhig hin und her, von gewaltigen, knöchernen Schwingen, die an den Enden scharfe Spitzen hatten, in der Luft getragen. Sie hatten riesige Krallen an den Pranken und Füßen. Die ultralangen Schwänze mit pfeilartigen Enden peitschten unruhig durch die Luft. Da, sie öffneten ihre Hälse und ich erblickte dolchartige, handtellergroße Reißzähne! Ganz hinten in ihren Schlünden glomm ein rotes Licht auf. Schon sah ich mein Ende nahen, als ich mich im letzten Moment an die Regel meines Freundes Keks erinnerte: Ich sollte an etwas Schönes denken! Der riesige Feuerstrahl der drei Drachen zischte auf mich zu, aber  ich zwang mich, an eine bunte Frühlingswiese zu denken ... In diesem Moment geschah das Unfassbare. Mein ganzer Körper fing an, in einem überirdischen, blauen Licht zu leuchten. Der vereinte Feuerstrahl traf mich nicht, sondern das Licht lenkte ihn um, sodass er ins Leere schoss. Dafür grölten jetzt die Bestien umso wütender. Sie sausten rasant auf die Erde hinab und kamen donnernd auf, sodass sie ein Erdbeben auslösten. "Ah!", schrie ich, während es mich von den Füßen riss. Grinsend starrten mich die Drachen an - ich blickte dem Tod ins Auge. Es gab keinen Ausweg mehr ...

Noch einmal dachte ich an die Natur, doch ein erneuter Feuerstrahl meiner Feinde wurde dadurch kaum umgelenkt und ich begriff: Die Macht der Drachen nahm immer mehr zu! Oh nein!!! Ich musste mir schleunigst etwas einfallen lassen, denn die Untiere attackierten mich nun mit Schwanzschlägen.

"Denk an ... ah!", wollte Keks mir auf die Sprünge helfen, doch - die Drachen hatten ihn mit ihren mächtigen Schädeln gerammt und in die Luft geschleudert. Hilflos landete er mit einem dumpfen "Plopp!" auf der Erde. Wut über die Drachen stieg in mir auf.

Warum waren sie so gemein? Hoffentlich hatte Keks sich nicht verletzt! Da kam mir die zündende Idee und mit einem Mal wusste ich, was zu tun war.

Selbstsicher stand ich auf und dachte an meine Freunde, Narna, Zara, Hanna und - vor allem - den lieben Keks. Ich blickte jedem der hämisch grinsenden Köpfe fest in die leuchtenden Augen und spürte wieder die übernatürliche Kraft. Das Licht, das meinen Körper umhüllte, wurde größer, dehnte sich aus und erreichte die Drachen. Diese brüllten wütend auf, wandten sich vor Schmerzen und flogen wutentbrannt davon...     
Dann spürte ich ein heftiges Ziehen am Körper und schloss erschöpft die Augen...

Au!!! Immer noch schmerzte mein Kopf, aber ich befand mich in meinem Zimmer! Alles war wieder ganz normal, aber - was war das?! Neben mir lag eine rot funkelnde Schuppe. Oh, dachte ich erleichtert und zugleich stolz auf meine gute Tat, hatte ich diese seltsame, wunderbare Welt voller Geheimnisse also doch gerettet?!
Und so wurde das schon am Morgen der schönste Geburtstag meines bisherigen Lebens….

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