4a Die verlorene Welt

Von Emira Mustafic


Gelangweilt schaute ich aus dem Fenster, während mein Mathelehrer Herr Mathematisky irgendetwas von Prozentschreibweisen erzählte, die mich überhaupt nicht interessierten. Es war der Donnerstag vor dem Zwischenzeugnis und die erste Stunde. Ich bin kein großer Fan von Mathematik, aber mir kam es so vor, als hätte ich ausgerechnet, dass ich gleich drangenommen werde, und deshalb drehte ich mich schnell wieder zur Tafel.
"Hannah, kannst du mir bitte sagen, was das Ergebnis meines Beispiels vorhin war?", fragte mich Herr Mathematisky. "Äh...25% vielleicht?", antwortete ich unsicher mit einem Gesichtsausdruck, den man nicht beschreiben konnte. Andere Kinder versuchten mir noch mit Zettelchen zu helfen, aber das brachte nichts. "Das ist falsch. Glaub´ mir, das wird keine guten Folgen für dich haben!", ermahnte er mich mit einem strengen Ton, der irgendwie anders klang als bisher, als er mir gedroht hatte mich von der Schule zu schmeißen, wenn ich nochmal nicht aufpassen würde.

Es wurde totenstill in der Klasse. Er wendete sich von mir ab und machte ungerührt mit den Prozentschreibweisen weiter. Den ganzen Tag überlegte ich mir, was er wohl gemeint hatte, und wie ich meiner Mutter die schlechten Noten erklären könnte.
Am nächsten Tag hatte ich ein mulmiges Gefühl. Wir bekamen nämlich unsere Zeugnisse. Das Gefühl wurde ich nicht los, obwohl ich wusste, dass ich eine Fünf in Mathe haben würde und alles andere Vierer. Fast hatte ich mit meiner Vermutung recht. Nur in Sport hatte ich eine Eins!

Ich trödelte bis nach Haus. Der knietiefe Schnee erschwerte mir den unendlich wirkenden Weg nur noch mehr. Meine Mutter reagierte nicht gerade erfreut auf meine Mitteilung und erklärte barsch: "Du brauchst dir keine Mühe zu machen mir irgendwelche Gründe aufzutischen.". Fragend schaute ich sie an. Währenddessen setzte ich mich auf das Sofa im Wohnzimmer. "Dein Lehrer hat nämlich vorgeschlagen, dich in ein Internat in Sibirien zu stecken. Es hat ein wunderbares Erziehungsmotto und ist auch sehr bekannt für seine Lernmethoden. Es hat auch viele Freizeitaktivitäten im Angebot." ,erläuterte sie ihren ersten Satz, und ich war völlig sprachlos. Übernächste Woche sollte ich schon fliegen! Die Woche verging wie im Flug, und ich dachte über nichts anderes nach. Bald kam mein letzter Tag zu Hause. Meine Sachen standen schon gepackt im Flur.
Am nächsten Morgen verabschiedete sich meine Mutter von mir am Flughafen. Danach stieg ich ins Flugzeug. Ich hatte ehrlich gesagt ein wenig  Angst vor der neuen Schule, denn auf mich könnte alles Mögliche zukommen. Fünf anstrengende Stunden später war ich angekommen und auf mich wartete schon ein Taxi, welches mich zum Internat brachte. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, denn ich stand bald vor einem riesigen, grauen Schloss, welches sehr alt, aber doch gepflegt aussah. Ich wurde vom Hausmeister zu meinem Zimmer gebracht. Der Hausmeister sah sehr alt und dürr aus, er hatte braune Lederstiefel, eine ausgewaschene Jeans und einen dicken grünen Pullover an. Er trug graue, kurze Haare. Das Merkwürdige an ihm war: die einzigen Worte, die er zu mir sprach, waren "Folge mir!". Mein Zimmer hatte Gitter vor den Fenstern und graue Wände, die einen innerlich frieren ließen. Ich fühlte mich recht unwohl in diesem Zimmer, aber daran gewöhnte ich mich schneller als erwartet.

Eine Woche hatte ich schon dort verbracht und hatte immer noch keine Freunde gewonnen. Der Unterricht war sehr streng und eintönig. Ich hatte auch schon herausgefunden, was sie mit den Freizeitaktivitäten gemeint hatten, nämlich Fenster putzen und Boden wischen! Das Essen war gerade noch essbar. Gestern rutschte meine Mathelehrerin beim Mittagessen in der Kantine aus. Das war sehr komisch, denn ihre Spaghettis landeten auf ihrem Kopf. Ich hatte aber als einzige gelacht und deshalb musste ich Fenster putzen.

Am Sonntag hatten wir immer frei; natürlich nutzte ich die Zeit um das Gebäude zu erkunden. Entspannt spazierte ich durch die leeren Gänge und sah plötzlich eine Tür, die mir noch nie aufgefallen war. Auf ihr stand ´Bibliothek´.
Langsam öffnete ich die hölzerne und laut quietschende Tür. Plötzlich sah ich grelles Licht und kniff meine Augen zusammen, während ich einen Schritt in den Raum wagte. Aber was war das? Ich stand auf einer Wiese, die von einem Wald umringt war. Die Tür hinter mir knallte plötzlich lautstark  zu und verschwand im Nichts. Mit Herzklopfen tastete ich die Luft nach der Tür ab, aber sie war wirklich weg!

Plötzlich hörte ich ein Pfeifen und spürte etwas wie ein leichtes Erdbeben. Hastig versteckte ich mich hinter einem Busch, der am Rande der Wiese stand. "Sieben Zwerge verspeiste ich heute Morgen und heut´ Mittag werden es acht! La la la...", sang mit tiefer Stimme ein mächtiger Riese, der gemütlich an mir vorbei trampelte. Er war sehr schmutzig und trug nur dunkelgrüne, kurze und zerfetzte Hosen. Er hatte drei Augen und eine dicke, knollige Nase. Seine Fingernägel waren verdreckt und zersplittert. Sein Kopf war kahl und rund wie eine Bowlingkugel. Er war ca. fünf Meter groß. Seine Finger waren lang und muskulös. Er hatte noch ein erdbraunes Hemd an; mehr konnte ich von hinter dem Busch nicht erkennen.
Als er außer Sichtweite war, schlich ich vorsichtig aus meinem Versteck. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Mein sechster Sinn sagte mir, dass mich jemand beobachtete. Zwei winzige funkelnde Augen, die von einem Baum auf mich herabsahen! Schnell formte ich ein wenig Erde zu einer Kugel. Die warf ich anschließend treffsicher auf diese zwei herabsehenden Augen. Und ich traf auch. "Autsch!", schrie eine Stimme auf und blaffte mich wütend an: "Was fällt die ein, du freches Gör!". Ich lachte schadenfroh, weil dieses Wesen direkt auf den kleinen Kopf gefallen war, und zugleich, weil ich nicht glauben konnte, was da

für ein komischer Zwerg vor mir stand.

Er war ca. 30cm groß und hatte spitze Koboldohren. Seine Nase war ausgeprägt und lang, die Augen im Vergleich zum Gesicht riesig und braun, einen breiten Mund und dünne Lippen besaß es und es hatte einen dunkelroten Anzug mit goldenen Knöpfchen an. "Lach´ nicht so blöd! Das ist nicht witzig, wenn sich jemand weh tut! Aua... Übrigens, ich bin Robby, ein Zwerg wie du schon bemerkt haben wirst! Und du?", fragt mich Robby wissensdurstig. "Ich bin Hannah. Und wo bin ich hier?". "Aha. Du bist im Mittelland, wo nichts normal ist. Nur viel zu klein oder viel zu groß! Wie bist du eigentlich hierher gekommen? Ah! Ich weiß es jetzt! Du bist bestimmt die Auserwählte, die uns vor dem alles  fressenden Riesen retten soll."   "Was?!", fragt ich voller Zweifel und trat einen Schritt näher. "Nun ja. Ein Riese tyrannisiert uns Zwerge. Er hat Klone von sich selber geschaffen um uns alle auszulöschen. Aber wenn er getötet ist, dann lösen sich alle Klone auf! Deine Aufgabe ist es ihn außer Gefecht zu setzen. Mit ein paar Zaubertricks von uns Zwergen wirst du es schaffen! So hat das Aloria, unsere Wahrsagerin, vorausgesagt! Und was sie sagt, stimmt auch!  
So! Hier ist ein Trollhaarboomerang, das wird dir helfen ihn zu besiegen, wenn du dein Köpfchen einsetzt! Und das ist Zauberrinde, die dich zum Riesen befördert, wenn du dreimal darauf klopfst. Cool, oder? Sei vorsichtig! Tschüss!". "Aber...", und schon stand ich vollkommen starr vor Schreck vor dem Riesen, der mich bösartig mit seinen drei Augen anstarrte.

"Muaaaaaaaah!", brüllte der Koloss und schlug wütend nach mir, aber ich warf mich reflexartig zur Seite. Er versuchte es noch einmal, aber ich rannte aufgeregt in den Wald hinein. Der Riese raste tonnenschwer mir hinterher und holte mich ein. Nun standen wir Auge in Auge. Blitzschnell sauste ich ihm durch die riesigen Beine hindurch.
Hinter ihm überlegte ich panisch, bis er sich umdrehte. "Da hinter dir! Ein Zwerg!", rief ich. Während der Riese sich umdrehte, zog ich meinen Boomerang heraus und warf ihn an ihm vorbei. "Haha! Kannst wohl nicht gut werfen!", spottete er. Einen Schritt machte er und dann fiel er um, denn ein Boomerang kommt immer zurück. Er hatte ihn direkt in den Nacken getroffen! Der Koloss lag nun bewusstlos auf dem steinhartem Boden. Ich drehte mich erleichtert um und zog die Zauberrinde aus meiner Hosentasche, doch plötzlich griff der Riese ein weiteres Mal nach mir.
Ich schreckte zusammen und wurde so blass wie Schnee. Er hatte sicher noch genügend Kraft um mich zu zerquetschen. Ich ließ dir Rinde fallen. Mit letzten Kräften strampelte ich und dann hatte ich einen Einfall. Ich biss wie Dracula mit meinen Eckzähnen in die Hand des Kolosses. Es funktionierte! Er ließ mich fallen und war endgültig besiegt. Schnell griff ich nach der Rinde und steckte sie in meine Hosentasche.

Er löste sich wie die Tür in Luft auf, und genauso löste sich auch diese Welt in Luft auf, denn alles war nur ein Traum gewesen. Ich war nämlich im Matheunterricht eingeschlafen. "Wach auf, Hannah!", rief Herr Mathematisky ärgerlich und rüttelte an meinen Schultern. Ich griff in meine Hosentasche und da spürte ich noch die Zauberbaumrinde. Meine Noten im Zeugnis waren doch nicht so schlecht ausgefallen, wie ich gedacht hatte. Und ich bin nicht auf ein Internat in Sibirien geschickt worden!

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